20 Jahre Partnerschaft

Besuch aus Głuchołazy - 26. bis 29. Mai 2016

Vom 26. bis 29. Mai 2016 fand in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm das diesjährige Treffen mit Gästen aus Głuchołazy statt, der polnischen Partnerstadt – zum insgesamt 20. Mal. Dieses Jubiläum fiel zusammen mit dem 200. Geburtsjahr der Region Rheinhessen. Außerdem wurde vom 27.-29.5. in der Stadt Nieder-Olm auch das Straßenfest gefeiert. Das Programm war so abgestimmt, dass alle drei Ereignisse unter einen Hut gebracht werden konnten.

Um 19:15 Uhr am Fronleichnamstag sprangen unsere Gäste vor der Eckes-Halle munter aus ihrem Bus. Großes Hallo bei der Begrüßung – viele Gastgeber und Gäste kannten sich bereits, es waren dieses Mal aber auch etliche neue Gesichter in der angereisten Delegation zu entdecken. Die Munterkeit war deshalb bemerkenswert, weil man bereits in aller Frühe in Głuchołazy gestartet war; einige Teilnehmer, in der Nachbarstadt Nysa wohnhaft, waren schon um 2:30 Uhr in der Nacht von ihrer Wohnung aufgebrochen. Anlass für die frühe Abfahrt war eine mehrstündige Besichtigung der Stadt Dresden, an der man jahrelang immer wieder vorbeigefahren war und die man endlich einmal von "innen" sehen wollte. Nach einer kurzen offiziellen Begrüßung und einem erfrischenden Trunk im Metten-Zimmer der Ludwig-Eckes-Halle zogen die Gastgeber mit  ihren "Schutzbefohlenen" von dannen ins häusliche Domizil - nur die beiden Busfahrer übernachteten im Hotel.   

Am nächsten Morgen um 9:00 Uhr bestiegen die Gäste auf dem Parkplatz am Schwimmbad schon wieder einen Bus. Begleitet von einigen "Betreuerinnen" aus dem Partnerschaftskomitee (später stieß auch noch Verbandsbürgermeister Spiegler dazu), fuhr man nach Frankfurt zur Stadtbesichtigung.

Der erste Teil des Sightseeings fand wegen der Größe der Main-Metropole im Bus statt, dirigiert durch einen zwischenzeitlich zugestiegenen polnisch sprechenden Stadtführer. Trotz der notorischen Staugefahr durch Baustellen und andere Behinderungen kam man in knapp 90 Minuten ganz gut durch, vielleicht weil der Freitag ein verkehrsarmer "Brückentag" war. Sachsenhausen, das Bankenviertel "Mainhattan" sowie die kulturellen Stätten wurden umkreist, viele repräsentative Gebäude zogen vorbei, und sogar der Main mit seinen stellenweise recht ansehnlichen Uferbereichen konnte – dank eines hier recht willkommenen kleinen Staus auf einer Brücke – ausgiebig betrachtet und fotografiert werden.

Dann wurde aber doch noch eine knappe Stunde marschiert. Vor allem das Römerviertel kann man sich nur zu Fuß erschließen. Und abschließend betrat man auch noch die geschichtsträchtige Paulskirche, wo 1848 die erste deutsche "Nationalversammlung" tagte. Auf die zugehörigen Ereignisse sollte am nächsten Tag ein Vortrag noch ausführlich eingehen.

Zum Mittagessen war ein typisches Frankfurter Lokal in Sachsenhausen ausgesucht worden. Die meisten Polen, das wussten wir, lieben es rustikal und deftig, und bei Haxe und Ochsenbrust mit Frankfurter Grüner Soße liegt man da garantiert nicht falsch. Selbst durch den sicherlich gewöhnungsbedürftigen Äppelwoi ließ sich niemand verschrecken - man konnte ihn ja mit Apfelsaft "entschärfen".

Der Nachmittag stand den Gästen zur freien Verfügung. Entsprechende Wünsche waren früher, z.B. bei der Besichtigung von Wiesbaden, geäußert worden. Mit einem kleinen Stadtplan ausgestattet, wurden sie in der Innenstadt "von der Leine gelassen". Der Besuch eines Einkaufszentrums ist in der Tat individuell leichter zu bewerkstelligen als in einer großen Gruppe. Manche entdeckten dort auch die eine oder andere Aussichtsplattform und konnten einen weiten Blick über das beeindruckende Frankfurter Häusermeer genießen.

Um 17:30 Uhr, sogar etwas vor der Zeit, war man wieder zurück in Nieder-Olm, gerade rechtzeitig, um beim Straßenfest vor dem Rathaus den Fassbieranstich mitzuerleben. Zum Leidwesen der zahlreichen Fotografen und Filmer ereignete sich nicht eine einzige spektakuläre Bierdusche, was auf eine beachtliche Routine der prominenten Akteure schließen lässt.

Bürgermeister Ralph Spiegler (links) und der Nieder-Olmer Stadtbürgermeister Dieter Kuhl beim Fassbieranstich.Bürgermeister Ralph Spiegler (links) und der Nieder-Olmer Stadtbürgermeister Dieter Kuhl beim Fassbieranstich.

Die Bürgermeister aus den Ortsgemeinden und der VG konnten außer unseren polnischen Gästen zahlreiche Besucher aus anderen Partnergemeinden begrüßen: aus Bussolengo und Bovolone (Italien), aus Muizon, Boursault, Chatillon sur Marne, Festigny, Rupt sur Moselle und  Mareuil le Port (Frankreich). Entsprechend vielfältig war das Angebot an den Ständen der kleinen Marktstraße, die auf dem Rathausplatz aufgebaut war. Die Landfrauen aus Głuchołazy hatten selbst hergestellte Köstlichkeiten aus ihrem Wurst- und Fleischsortiment mitgebracht, die die Frankfurter Mittagskost hervorragend kulinarisch ergänzten. An einem anderen Stand gab es auch Keramik-Produkte aus Głuchołazy zu bewundern und zu kaufen.

Kaufen konnte man auch noch andere künstlerische Produkte aus Polen. Gegen 19:30 Uhr eröffnete VG-Bürgermeister Ralph Spiegler im Rathaus-Foyer die Vernissage mit den Bildern von drei polnischen Malerinnen und Malern. Sie hatten nur wenige Werke ausgewählt, die es umso intensiver zu betrachten galt. Und noch während der Vernissage wurde das erste an eine Kunstfreundin aus Nieder-Olm verkauft.

Die Anwesenden bei der Vernissage wurden für ihr Interesse an der Kunst aus Polen dadurch belohnt, dass just während dieser Zeit der einzige Regenschauer niederging, der das ansonsten gute Wetter des Freitags beeinträchtigte - und sie hatten ihn im Trockenen überstanden.

Besucher der Vernissage "Kunst aus Polen"Besucher der Vernissage "Kunst aus Polen"

Danach ergriff auf der Bühne des Straßenfestes die französische Musikgruppe "Stanlor" die akustische Oberhoheit. Als sie mit dem nicht ganz taufrischen Stück "Schützenliesel" begann, durchsetzt von der Seltenheit alpenländischen Jodelns mit frankophoner Zunge, begannen bereits einige Augen himmelwärts zu rollen. Jedoch: die pfiffigen Franzosen hatten die Zuhörer auf eine falsche Fährte gelockt. Sie erwiesen sich als ein ausgesprochen variables Ensemble, das eine beeindruckende Vielfalt an Musikstilen zu Gehör brachte: das reichte von modernen und altbewährten französischen Chanson-Klassikern über italienischen Pop bis zu fetzigem Rock 'n' Roll und kultigem Jazz. Sie hatten einfach alles drauf.

Stanlor beim Nieder-Olmer Straßenfest.Stanlor beim Nieder-Olmer Straßenfest.

Das gefiel auch unseren polnischen Gästen. Die konnten sich am Samstagmorgen erst einmal ausschlafen, falls sie nicht von ihren Gastgebern zu einer individuellen Früh-Aktivität animiert wurden. Offiziell begann der erste Programm-Punkt erst um 11:00 Uhr im Nieder-Olmer Ratssaal. Dr. Benjamin Conrad aus dem Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Universität Mainz hielt einen Vortrag (deutsch & polnisch) zum Thema "Eine Zukunft, die man sich anders vorstellte: Deutsche und Polen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts". 

Der Historiker begann seinen geschichtlichen Abriss im 18. Jahrhundert, als der Staat Polen durch drei Teilungen vollständig von der Landkarte verschwand und durch die drei damaligen Großmächte Preußen, Österreich und Russland nach Raubtierart verschlungen wurde. Ausführlich ging er dann auf den Wiener Kongress ein, der 1814 begann. Hier wurde auch entschieden, dass linksrheinische, ehemals von Napoleon annektierte Gebiete an das Großherzogtum Hessen fallen sollten, was am 8. Juli 1816 mit der Gründung der Provinz Rheinhessen umgesetzt wurde. Dieses Ereignis ist der Bezugspunkt der diesjährigen 200-Jahr-Feier von Rheinhessen, das heute keine administrativ-staatliche Einheit mehr ist, sondern nur noch Region und natürlich Weinanbaugebiet.

Dr. Benjamin ConradDr. Benjamin Conrad

Für die Polen brachte der Wiener Kongress keine Rückkehr zur Eigenstaatlichkeit. Selbst das Gebot an die Besatzungsmächte, die polnischstämmige Bevölkerung nicht zu diskriminieren, wurde nicht befolgt. Im Gegenteil: die Russen betrieben eine massive kulturelle Russifizierung, die Preußen nicht minder brutal eine Germanisierung, die den Polen ihre Sprache und Religion austreiben wollte.

Nicht zuletzt gegen diese auch kulturelle Unterdrückung wehrten sie sich vehement. Auch im heutigen Rheinland-Pfalz führte das zu großer Sympathie bei jenen, die begonnen hatten, immer mehr Freiheitsrechte von der Obrigkeit zu ertrotzen. "Freund der Polen und Freund der Freiheit sind Synonyme", stellte der polnische Dichter Adam Mickiewicz (1798-1855) damals fest. Als 1832 nahe Neustadt a.d. Weinstraße das Hambacher Fest stattfand, waren auch viele Polen anwesend und wurden mit Solidaritätsbekundungen geradezu überschüttet. Polenvereine schossen wie Pilze aus dem Boden, auch z.B. in Mainz. 

Jedoch bereits 1848 in der am Freitag von unseren Gästen besichtigten Frankfurter Paulskirche, beim ersten nationalen Konvent auf deutschem Boden, war eine zunehmende Re-Nationalisierung bei den Freiheitsfreunden nicht zu übersehen. Sie waren gegen die von der ansonsten wenig geliebten Obrigkeit geförderten antislawischen Ressentiments nicht immun. Selbst der doch eigentlich gegen jede Unterdrückung kämpfende Sozialist Friedrich Engels (1820-1895), so Dr. Conrad, war ein regelrechter Polenhasser. Wohin diese Renationalisierung mit zwei entsetzlichen Weltkriegen geführt hat, ist sattsam bekannt.

Umso wichtiger sind für Dr. Conrad heute Partnerschaften wie die zwischen Głuchołazy und Nieder-Olm, nicht zuletzt deshalb, weil es auch aktuell in der europäischen Union einen Hang zu wachsenden nationalen Egoismen der unappetitlichen Sorte gibt, in nahezu allen Mitgliedsländern. Dr. Conrad gehört offenkundig zu einer jungen Generation von Historikern, die sich nicht in der Vergangenheit vergraben, sondern auch die Gegenwart aufmerksam betrachten, die wertvollen historischen Erkenntnisse im geistigen Gepäck. Er berichtete ein wenig über seinen Werdegang, und man merkte: für Alte Geschichte hätte er sich wohl nie entschieden, denn mit den alten Römern kann man keine engagierten Verbindungen (wie z.B. durch Partnerschaften) knüpfen.

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine angeregte Diskussion, an der sich polnische wie deutsche Zuhörer beteiligten. Und auch in dieser Diskussion wurde der Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen. Lisa Kahmann, Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, fragte den jungen Wissenschaftler, wie man denn die junge Generation für völkerverbindende Aktivitäten wie eine Städtepartnerschaft gewinnen könne. Dr. Conrad gab einige Empfehlungen aus eigener Erfahrung, die eine sehr optimistische Einstellung verrieten, und wies auf das grundsätzliche Phänomen hin, dass Jugendliche durch die modernen Medien (die allgegenwärtigen und zeitraubenden Smartphones und ähnliches) wohl oft nur eine geringere "Aufmerksamkeitsspanne" haben als Ältere es gewohnt sind. Das ist brillant formuliert, mit Sicherheit zutreffend und wert, beachtet zu werden.

Das Mittagessen auf dem Straßenfest, vom Organisator Michael Moschner arrangiert, war wieder paneuropäisch. Der Geschmack von 4 Nationen musste getroffen werden. Aber - sie hatten letztlich ja keine Wahl, die Anwesenden. Es war eigentlich so ähnlich wie in der Schicksalsgemeinschaft "Haus Europa"; dort sind sich im Augenblick leider nicht alle dieser Lage bewusst ....

Am Nachmittag stand als fakultative Veranstaltung die Begehung des Nieder-Olmer Skulpturenwegs auf dem Programm. Die ortsansässige Künstlerin Liesel Metten, die die meisten Werke dieses kulturellen Kleinods geschaffen hat, hatte sich bereit erklärt, die Führung persönlich zu übernehmen. Eine junge Dolmetscherin meisterte bravourös die schwierige Aufgabe, auf Polnisch zu erklären, was ein "Brezelfresser" ist. Zum Dank für sie und Frau Metten hielten die bedrohlichen Regenwolken dicht – bis nach 18:00, als alle im Trockenen saßen.

Künstlerin Liesel Metten beim Rundgang über den Nieder-Olmer Skulpturenweg.Künstlerin Liesel Metten beim Rundgang über den Nieder-Olmer Skulpturenweg.


Und zwar in der Ludwig-Eckes-Halle, wo die traditionelle Abschlussveranstaltung stattfand – diesmal war es sogar angesichts des zweifachen Jubiläums eine Festveranstaltung. Es wurden etliche Dankesadressen gesprochen, nicht nur von den beiden Bürgermeistern Edward Szuprycziński und Ralph Spiegler, sondern diesmal auch von Landrat Claus Schick. Gastgeschenke und Gastgebergeschenke wurden überreicht an alle, die mitgeholfen haben beim Gelingen der prallgefüllten Tage (wie immer unentbehrlich: Sabine Urbas, Karin Kerkewitz, Lucyna Bohlender). Allen Beteiligten gemeinsam war der Wunsch, dass den ersten beiden Dezennien der Partnerschaft weitere ebenso glückliche folgen werden.

Den Festvortrag hielt Dr. Mariusz Migała. Es war wiederum ein historischer, nicht nur bezogen auf die Partnerschaft, sondern auf den gesamten Verlauf der deutsch-polnischen Annäherung nach dem 2. Weltkrieg. Herr Migała ist gewissermaßen der Chronist des Partnerschaftsprojekts: er hat soeben seine 3. Chronik der laufenden Ereignisse als zweisprachiges Buch vorgelegt. Es umfasst alle 20 Jahre von Beginn an und enthält auch einige Beiträge von Nieder-Olmer Autoren. Für 15,-€ kann das 270 Seiten starke Werk bei der VG gekauft werden.

Zu einer Festveranstaltung gehört auch ein Festkonzert. Das wurde von der Rheinhessischen Bläserphilharmonie (Ingelheim) gestaltet. Das Orchester spielte sinfonische Werke, die eigens für die streicherfreie Zusammensetzung eingerichtet worden sind (doch halt: ein einsamer Kontrabassist durfte gelegentlich die Reinheit des Bläserklangs sehr dezent ergänzen!).

Nicht nur die professionelle Darbietung, sondern auch der Mut zur Auswahl von Stücken mit Anklängen an zeitgenössische Tonalität wurden durch langanhaltenden, begeisterten Beifall belohnt.


Die Rheinhessische Bläserphilharmonie beim Konzert in Nieder-Olm.Die Rheinhessische Bläserphilharmonie beim Konzert in Nieder-Olm.

Dann endlich ging's für die Teilnehmer des Festabends ins Nebenzimmer, wo ein hervorragendes italienisches Buffet aufgebaut war, so geschickt arrangiert, dass trotz der guten Hundertschaft hungriger Mäuler noch nicht einmal ein Gedränge entstand. Da hatte sich die Verbandsgemeinde zur Feier des Tages wahrlich nicht lumpen lassen.

Am Sonntagmorgen traf man sich vor dem Nieder-Olmer Rathaus bei einem ökumenischen Gottesdienst, der traditionellerweise im Rahmen des Straßenfestes stattfindet. Der evangelische Pfarrer lobte das offenkundige Gottvertrauen der Anwesenden, weil sie wohl von einer Regenpause am Vormittag ausgingen. Sein katholischer Kollege, etwas ernsthafter gestimmt und für die Predigt zuständig, nutzte das gerade vergangene Pfingstfest, an dem der Bibel zufolge vor 2000 Jahren Menschen unterschiedlicher sprachlicher Herkunft sich plötzlich verständigen konnten, und er nutzte die Anwesenheit von 4 Nationen für einen deutlichen Aufruf, ausländische Hilfsbedürftige wie Flüchtlinge nicht zu diskriminieren, sondern zu unterstützen. Die Fürbitte war in allen vier Nationalsprachen zu hören.


Ökumenischer Gottesdienst vor dem Nieder-Olmer Rathaus.Ökumenischer Gottesdienst vor dem Nieder-Olmer Rathaus.

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Und dann hieß es: packen. Um 14:00 Uhr auf dem Parkplatz am Schwimmbad, nach herzlicher Verabschiedung unter dem Motto "Do zobaczenia w przyszłym roku!" / "Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!", reisten unsere Gäste ab. Der große Regen kam erst am Abend. Eine nächtliche E-Mail unterrichtete uns, dass unsere Freunde genau um Mitternacht wohlbehalten in ihrer Heimatgemeinde eingetroffen waren. 

Text: Rolf Oesterlein
Fotos: Friedel Boller | Gerd Fischer
06. Juni 2016

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